Wétiko: Die gesamtgesellschaftliche Geisteskrankheit des Westens und deren Heilung
„Der Unterschied zwischen einem Weißen und uns ist folgender: sie glauben an die erlösende Macht des Leidens, wenn dieses Leiden von jemand anderen weit weg, vor zwei tausend Jahren, ertragen wurde.
Wir glauben, daß jeder von uns dem anderen helfen muß, auch wenn wir dabei körperlichen Schmerz empfinden …Wir schieben diese Last nicht auf unseren Gott ab, noch wollen wir es missen, der geistigen Macht gegenüberzustehen. Dies geschieht, wenn wir auf den Hügeln fasten oder unser Fleisch beim Sonnentanz zerreißen, dann erfahren wir eine plötzliche Erleuchtung und kommen mit unseren Gedanken dem Großen Geist am nächsten. Erleuchtung ist nicht einfach zu erlangen und wir wollen keinen Engel oder Heiligen, durch die sie aus zweiter Hand überbracht wird.“ [Klappentext]
Dies schrieb der im Jahre 2001 verstorbene Lame Deer, ein Medizinmann der Lakota-Indianer Nordamerikas, in seinem Buch Seeker of Visions. Es findet sich als Klappentext-Zitat auf einem, meiner Ansicht nach außerordentlich bedeutsamen, Buch wieder, das an dieser Stelle kurz vorgestellt werden soll.
Die kulturelle und moralische, als natürlich auch spirituelle Überlegenheit des Christentums ist als kaum hinterfragte Überzeugung vieler Bürger der westlichen Welt als solche anzuerkennen: als grundlegende Überzeugung. Diese erwächst aus dem ungünstigen, aber ebenfalls vielfach zitierten Umstand, dass "der Sieger die Geschichte schreibt". Womit wir ein Thema streifen, das schon George Orwell diagnostisch dargelegt hat: Das Zwiedenk bzw. Doppeldenk.
Der durchschnittliche Mensch der westlichen Welt empfindet keinen Widerspruch, wenn er in dem einen Fall sein Bewusstsein über die geschichtsverfälschende Macht des siegreichen Parts offenbart, nur um weiterhin ignorant der Tatsache gegenüber zu bleiben, dass damit unweigerlich viele historische Lügen in allen möglichen Bereichen einhergehen müssen. Wird letztere Überzeugung formuliert, sind Vorwürfe schnell an der Hand, die sich machtpolitisch negativ konnotierter Begriffe, wie 'Verschwörungstheorie', bedienen.
Der im Februar 2011 verstorbene amerikanische Ureinwohner Prof. Jack D. Forbes, mehrfach preisgekrönter Autor und politischer Aktivist, möchte auf diesen und weitere Umstände hinweisen. Er präsentiert seine Ergebnisse über die Kollektivpsychose der (sogar in religiöser Hinsicht) materialistischen westlichen Welt, deren Einwohner er als Wétikos bezeichnet, in seinem äußerst lesenswerten und erhellenden Buch "Columbus und andere Kannibalen. Die indianische Sicht der Dinge" (befindet sich i.d.R. im Bestand von Bibliotheken).
Die Verehrung historischer 'Größen' - wie Napolen, Cäsar oder Kolumbus - die durchweg als Massenmörder bezeichnet werden müssen, ist dabei nur eines vieler Symptome der von ihm beschriebenen Wétiko-Seuche, die ihren Anfang seiner Ansicht nach im frühen Mesopotamien nahm und die gleichzeitig mit dem erstmaligen Auftreten der vielgerühmten 'Zivilisation' entstanden sei: Für Forbes zwei nicht trennbare Phänomene.
"Deshalb [da machiavellistisch als Bezeichnung der westlichen Verhaltensweise unzureichend erscheint] möchte ich nunmehr das Wétiko-Konzept vorstellen. 'Wetiko' ist ein Wort der Cree (Windigo in der OjibwaySprache [sic!], Wintiko bei den Pohawtans), das sich auf einen Kannibalen oder genauer auf einen bösen Menschen oder Geist bezieht, der andere Geschöpfe mit teuflischen Handlungen einschließlich Kannibalismus terrorisiert." [40]
Der vergessene Völkermord
Wer die westliche Welt und die wahre Natur des Christentums verstehen will, kommt nicht umhin, einen Schritt zurück zu treten, um sie aus der Ferne zu betrachten. Um dies zu tun, eignet sich dieses Buch besonders gut. Es zeigt auf, zugegebenermaßen unangenehm berührende, Art auf, dass die eigentlichen Kannibalen mit Schiffen die Welt bereisten und angeprangerte Formen des rituellen Kannibalismus als vergleichsweise harmlos bezeichnet werden müssen, wenn man die Auswirkungen westlichen Handelns und Denkens einmal in ihrer vollen Konsequenz verstanden hat:
"Man sollte wissen, dass Wétikos andere Menschen nicht nur symbolisch essen. Der Tod von zehn Millionen Juden, Slawen etc. durch die Nazis, der Tod von zehn Millionen von Schwarzen in den Tagen der Sklaverei, der Tod von 30 Millionen oder mehr Indianern im 16. Jahrhundert, die erschreckend kurze Lebensspanne mexikanischer Farmarbeiter in Texas und heute von Indianern allgemein, die hohen Sterberaten unter Fabrikarbeitern in den frühindustriellen Zentren und so weiter, zeugen eindeutig von der Tatsache, daß die Reichen und Ausbeuter buchstäblich das Leben derjenigen verzehren, die sie ausbeuten. Dies ist, würde ich meinen, in der Tat und im wahrsten Sinne des Wortes, Kannibalismus [...]. Es ist einfach das profitgierige, rohe Verschlingen um des Profites wegen, das oft auf häßliche und brutale Art und Weise geschieht." [41]
Verzerrte Wahrnehmung und verblendete Missionare
Dabei wird in den Schilderungen Forbes' sehr klar ersichtlich, wie die westliche Wahrnehmung Fakten verzerrt hat und den naturverbundenen Indianer zur wilden Bestie stilisierte, die Teufelsanbetung betreibe und unterentwickelt sei. Das wird besonders in der sehr gelungenen unkommentierten kontrastiven Wiedergabe zweier Zitate auf einer der ersten Seiten des Buches deutlich:
"Ein Indianer, der so schlecht ist wie der weiße Mann, könnte in unserem Volk nicht leben; er würde getötet und von den Wölfen gefressen werden. Die Weißen sind schlechte Lehrmeister; ihr Anblick trügt, und ihre Handlungen sind falsch; sie lächeln den armen Indianer an, um ihn zu betrügen; sie schütteln seine Hand, um sein Vertrauen zu gewinnen, sie machen ihn betrunken, sie täuschen ihn und verderben unsere Frauen. Wir forderten sie auf, uns allein zu lassen; aber sie folgten unseren Pfaden unaufhörlich, und sie ringelten sich in unserer Mitte ein wie eine Schlange. Sie haben uns mit ihrer Berührung vergiftet. Wir waren nicht sicher. Wir lebten in Gefahr. Wir wurden allmählich wie sie, Heuchler und Lügner, Ehebrecher, Faulpelze, Großmäuler und Untätige."Rede von Black Hawk, 1832
"Was das Taufen von Indianern und Negern anbetrifft, mißbilligen dieses einige (weiße) Leute, da sie meinen, daß es jene häufig stolz macht und ungeeignet als Diener: doch diese und andere Einwände sind leicht zu widerlegen..., denn der christliche Glaube ermutigt sie und verordnet ihnen gar, demütigere und bessere Diener als in ihrem heidnischen Zustand zu sein und nicht schlechtere."Rev. Hugh Jones, Angelikaner, The Present State of Vorginia, 1724. [9]
Ursachen werden dargestellt und Auswege aufgezeigt
Doch auch Lösungsmöglichkeiten werden dargestellt, denn dem Autor geht es nicht nur um eine detaillierte Darstellung der vergangenen Verbrechen, sondern um einen Hinweis auf die noch heute fortgeführten Ausbeutungsmechanismen in globaler Hinsicht. Die Verbrechen an den Indianern nehmen weiter ihren Lauf. Genauso, wie die Verbrechen an vielen anderen Bevölkerungsgruppen und schließlich allen Geistern der Welt, denn die Wétiko-Psychose schadet schließlich allen Menschen. Er schreibt, dass,
"wenn wir einmal die Wétiko-Seuche außer Betracht lassen und ehrlich, demütig die Dinge betrachten, werden wir erkennen, daß die Lehren der großen Medizinmänner, der großen Heilgen dieser Welt, tatsächlich ähnlich sind - sie wiesen in dieselbe Richtung. Vielleicht sind sie nicht identisch, aber das ist in Ordnung, da sie uns alle nur Beispiele geben wollen. Ich glaube nicht, daß sie je von uns verlangten, daß wir Roboter werden sollten und somit jede Phase ihres Lebens kopieren oder Phonographen, die jedes Wort ihrer Gebete widerholen, oder daß wir Narren werden, die die Wunder ihrer eigenen Phantasie ablehnen, oder Tölpel, die nicht fähig sind, eigene Träume zu haben, oder Blöde, die nie nach eigenen Einsichten suchen. Die Einsichten anderer Leute gehören diesen und nicht uns; und es ist falsch, sie als Entschuldigung zu nehmen dafür, daß man keine eigenen hat, obwohl man welche haben könnte.Die meisten großen Lehrer der Welt haben uns gezeigt oder Beispiele gegeben, die uns helfen können, die Wétiko-Psychose zu überwinden. 'Psychose' bedeutet 'Krankheit der Seele oder des Geistes'. Und deshalb müssen wir uns den Dingen zuwenden, die mit Geist oder Seele zu tun haben, wenn wir nach einem Weg der Heilung suchen. 'Pragmatismus' und 'Opportunismus' geben keine Antwort, noch schaffen es Psychotherapie und Psychiatrie, wie sie allgemein praktiziert werden. Zeitweilig können Wétikos sehr 'pragmatisch' sein, und Menschen, die von Psychologen oder Psychiatern behandelt wurden, können lernen sich 'anzupassen' oder sich zu 'akzeptieren'.'Anpassung' und 'Selbst -Annahme' werden allerdings nicht benötigt. Sich einer Wétiko-Gesellschaft anzugleichen, heißt: krank werden!" [152]
Inhalts- und weitere Angaben zu dem Buch
2. Kapitel: Anderes Leben verzehren - die kannibalistische Wétiko-Seuche
3. Kapitel: Kolumbus: Kannibale und Held des Völkermordes
4. Kapitel: Täuschung, Brutalität und Gier: Die Ausbreitung der Seuche
5. Kapitel: Die Struktur des kannibalischen Irrseins - Arroganz, Lüsternheit und Materialismus
6. Kapitel: Wie man verrückt wird - Der Vorgang der Korruption
7. Kapitel: Das Matchi-Syndrom - Die Faszination des Bösen
8. Kapitel: Kolonialismus, Europäisierung und die Zerstörung ursprünglicher Kulturen
9. Kapitel: Wilde, freie Menschen und der Verlust der Freiheit
10. Kapitel: Organisiertes Verbrechen - Geplante Aggression
11. Kapitel: Wenn Jesus zurück käme
12. Kapitel: Suche nach geistiger Gesundheit - Die Umkehrung des Brutalisierungsprozesses
13. Kapitel: Einen guten Pfad finden
Leider gibt es, obwohl es sich um ein zentrales Werk der antizivilisatorischen Bewegung handelt, keine mir bekannte Neuauflage des Buches. Deswegen ist man auf den Kauf von gebrauchten Exemplaren angewiesen oder muss sich das Buch in einer Bibliothek ausleihen. Diese sollten es aber in der Regel führen. Sollte diese Version nicht vorhanden sein, so ist die, für den deutschen Markt noch nicht extra überarbeitete, aber trotzdem deutsche Version des Buches mit dem Titel "Die Wetiko-Seuche" noch eine Option für den/die Interessierte/n.
Zur Einstimmung
Wer sich des Themas vorerst lieber auf emotionale als rationale Weise annähert, dem sei der phänomenale Spielfilm The New World von Terrence Malick empfohlen. Malick schafft es, einen Teilaspekt des, in diesem Buch dargestellten, Kontrastes filmisch darzustellen und die Kolonisierung aus der Sicht der Indianer wiederzugeben. Der folgende Trailer ist, mangels deutscher Trailerversion, in englischer Sprache:
Schlusswort
Dem ist nur noch eins hinzuzufügen: Dieser Artikel dient nur der Schaffung eines Anreizes, das Buch selbst zu lesen. In diesen wenigen Zeilen und kurzen Ausschnitten kann nicht vermittelt werden, was ein großer Geist nur auf 180 Seiten niederschreiben konnte.
Wir müssen jedenfalls anfangen, uns selbst kritisch zu hinterfragen. Dazu müssen wir die Perspektive anderer einnehmen. Und Prof. Jack D. Forbes hat es geschafft, uns unser eigenes Spiegelbild mit motivierender Wucht zurückzuwerfen. Mit Verständnis und Bereitschaft zur Versöhnlichkeit entwirft er darüber hinaus eine Vision von einer Gesellschaft, in der der Einzelne seinem individuellen spirituellen Pfad folgt und stets des eigenen Todes und der Vergänglichkeit aller materiellen Güter gedenkt, um dadurch zur Erkenntnis des wahrhaft Wichtigen zu gelangen.
"Frieden kommt dann in die Herzen der Menschen, wenn sie ihre Beziehung zum Universum, ihr Einssein mit ihm und seinen Mächten erkennen, wenn sie sehen, daß im Zentrum des Universums Uakan-Tanka lebt, und dieser Mittelpunkt überall ist, in jedem von uns." Black Elk [166]
Diesem Artikel liegt die 2. Auflage des Buches Columbus & andere Kannibalen: Die indianische Sicht der Dinge aus dem Jahr 1992 zugrunde, die im Peter Hammer Verlag, Wuppertal erschinen ist. Die Zahlenangaben in eckigen Klammern beziehen sich auf die Seiten, von denen die Zitate entnommen sind.





Danke! :) Sehr gute Buchempfehlung!
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